Über den Begriff der Geborgenheit
Der Begriff der Geborgenheit wurde zum zweitschönsten deutschen Wort gewählt. Im Russischen, Französischen oder Englischen gibt es kein Pendant. Und selbst die Philosophie hat uns kaum etwas darüber zu sagen. Selbst der schwierige Begriff der Liebe wurde philosophisch ausgiebiger beleuchtet.Â
Von der antiken griechischen Philosophie (Sokrates/Platon, Aristoteles) über die mittelalterliche Philosophie und den deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Kant, Hegel) bis hin zu den phänomenologischen Nahtstellen zwischen Psychologie und Philosophie bei Brentano und Husserl, ja selbst in der neuzeitlichen Existenzphilosophie eines Heidegger, die immerhin das Sein selbst untersucht: nirgendwo ein Wort oder gar eine begriffliche Analyse zur Geborgenheit. Zwar kann man in Heideggers Sein und Zeit philosophische Abhandlungen zum Sein des Seienden lesen oder Analysen zur Sorge. Sogar existentialanalytische Ausführungen über das “Sein zum Tode” finden sich dort. Aber Geborgenheit war selbst für Heidegger kein Thema seiner existential-ontologischen Analysen.Â
Unser Zeitalter der Unruhe und Veränderung, des zunehmenden Ungeborgenheitsgefühls der Menschen und ihrer immer stärker werdenden Sehnsucht nach Geborgenheit schreit aber geradezu danach, dass die Geborgenheit endlich einer philosophischen Betrachtung unterzogen wird. Es ist dabei vom Menschen selbst auszugehen, von seinem Leben und davon, was ihm persönlich wichtig erscheint, wenn man ihn nach Geborgenheit fragt.Â
Ist Geborgenheit für ein 11jähriges Mädchen das gleiche wie für eine 83jährige Frau? Verändert sich die persönliche Bedeutung von Geborgenheit während des Lebens? Ist für Frauen Geborgenheit etwas anderes als für Männer? Gibt es einen Wandel des Geborgenheitserlebens, der mit der menschlichen Entwicklung zusammenhängt? Ist Geborgenheit ein typisch menschliches Phänomen oder gibt es auch im Tierreich Anzeichen für Geborgenheitserleben? Und schließlich: Ist Geborgenheit für jedes Individuum etwas anderes?Â
Eines ist jedenfalls klar: Nirgendwo erleben wir Geborgenheit so stark wie in einer harmonischen Partnerschaft. Nichts gibt mehr Halt, nichts stärkt unser Selbstbewusstsein mehr. Was im Einzelnen das Geborgenheitsgefühl noch ausmacht, harrt bislang einer weiteren philosophischen Untersuchung.
Written by Daniela ClausenEinen Kommentar schreiben
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